Heckinghausen und die Bayer-Werke

Zur Geschichte Heckinghausens gehört auch die Gründung der Bayer-Werke, heute ein Weltkonzern, einst ein kleiner Heckinghauser Betrieb. Die ungewöhnliche Ge­schichte über die Anfänge der Bayer-Werke sei hier erzählt:
 
Friedrich Bayer (1825-1880) war ein Heckinghauser Kaufmann, der mit Farben für die Textilindustrie handelte. Als man in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, zunächst in England and Frankreich, dazu überging, für die Fär­berei-lndustrie künstliche Farbstoffe anstelle der bisherigen natürlichen zu verwenden, gehörte Friedrich Bayer zu den ersten in Deutschland, die sich die­ser neuen Entwicklung anschlossen. Schon 1861 entstand auf dem Küchen­herd des Bayerschen Hauses an der Heckinghauser Straße das erste Anilin­blau. Johann Friedrich Weskott (1821-1876), Sproß einer alteingesessenen Barmer Familie, betrieb in Oberbarmen, oder besser gesagt in Rittershausen in der Berliner Straße 110, eine Färberei. In ei­nem Bleicherhaus in der Oehde gebo­ren, hatte er sich 1849 selbständig ge­macht, zunächst in angemieteten Räu­men in der Spiekerstraße, ehe die Über­siedlung nach Rittershausen erfolgte. Mit Friedrich Bayer war er eng befreun­det. Beide trafen sich regelmäßig nach getaner Tagesarbeit abends auf ein Glas Wein im Hotel „Zur Pfalz" und tauschten ihre Erfahrungen aus.
 

Stammhaus der Bayer-Werke in Heckinghausen

Weskott beteiligte sich von Anfang an an den Versuchen, ebenfalls auf dem Küchenherd. Abwechselnd wurde bei Bayers und bei Weskotts experimen­tiert. Die Familie, die an der Reihe war, bekam an dem betreffenden Tag kein warmes Mittagessen! Weskott konnte die auf diese Weise erzeugten Farbstof­fe sogleich in seiner Färberei auspro­bieren. Bald wurden die ersten Farb­stoffe verkauft, und als das Geschäft im­mer besser lief, beschlossen Bayer und Weskott, für Produktion und Vertrieb ih­rer neuen Farben ein eigenes Unterneh­men zu gründen.
 
Am 1. August 1863 hoben sie die Firma Friedrich Bayer & Co. aus der Taufe, die am 7. August ins Handelsregister einge­tragen wurde. Bayer übernahm die kaufmännische, Weskott die technische Leitung. Zu Beginn bestand dieses neue Unternehmen nur aus den beiden Inha­bern und einem einzigen Mitarbeiter, Daniel Preiß, dem späteren Meister Preiß. Bis zum Jahresende war die Be­schäftigtenzahl aber schon auf 12 ge­stiegen.
 
Daneben betrieben Bayer und Weskott ihre alten Firmen, den Farbenhandel und die Färberei, noch etliche Jahre weiter. Der Küchenofen war als Produk­tionsstätte natürlich längst zu klein ge­worden. Die Anilinfarben entstanden in der Rittershauser Färberei, an das Bayersche Wohnhaus in Heckinghausen wurde eine Fuchsinfabrik angebaut.
 
Bald aber mussten Bayer und Weskott mit einem Problem kämpfen, das auch heute der chemischen Industrie schwer zu schaffen macht: die Verschmut­zung durch den Produktionsprozess. Bei der Fuchsinherstellung entstand Arsen, das die Brunnen der Nachbarn vergiftete. Als deren Entschädigungsforderungen zu hoch wurden, erwarb die Firma 1866 am Westende in Elberfeld ein größeres Gelände an der Wupper und verlegte ein Jahr später die Fuchsinproduktion dorthin. Das Kontor kam vorüberge­hend nach Rittershausen. Der dortige Betrieb wurde aber bald zu eng. 1871 kaufte die Firma am Auslauf der Heckinghauser Straße an der Wupper ein neues Grundstück; Anilinfabrikation und Kontor kamen auf diese Weise nach Heckinghausen.
 
In der Folgezeit wuchs aber in erster Li­nie der Elberfelder Betrieb; dort war im Gegensatz zu Heckinghausen genug Platz für eine Expansion. So war es kein Wunder, dass 1878 auch die Zentrale des Unternehmens, das Kontor, nach Elberfeld verlegt wurde.
 
Inzwischen waren zunächst Friedrich Weskott (1876) und dann auch Friedrich Bayer (1880) gestorben.
1881 wurde die Firma in eine Aktienge­sellschaft umgewandelt. Im Heckinghauser Betrieb lag damals der Schwer­punkt auf der Produktion von Anilinblau, Methylviolett und Methylgrün. Die erste Blauschmelze wurde am 24. September 1871 eingesetzt. 1876 wurde die zwi­schenzeitlich an die Firma Siller & Jamart verkaufte alte Fuchsinfabrik erneut erworben. Allerdings trogen die Hoff­nungen, die man in die Farbe Blau ge­setzt hatte. Sie behauptete zwar einen gewissen Marktanteil; da sich die Mode aber geändert hatte, expandierte das Geschäft mit den Anilinfarben nicht so, wie ursprünglich erwartet. Dafür wurde Methylgrün auf Jahre zum Marktschlager. Als Nebenprodukt entstand Violett­methyl.

1888 entstand die Pharma-Abteilung. Die ersten Experimente mit pharmazeu­tischen Stoffen hatten im Jahr zuvor stattgefunden - natürlich in Heckinghausen; vielleicht weil in Elberfeld die Luft zu farbengeschwängert war, gelangen diese Versuche zunächst nur in un­serem Stadtteil.

Als in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts das Methylgrün von neuen Stoffen vom Markt verdrängt wurde, konzentrierte sich die Produktion mit der Zeit auf Violettmethyl. 1906 kam es jedoch zum Zusammenschluss mit BASF und Agfa zu einer Interessen­gemeinschaft; daraufhin wurde die Er­zeugung von Violettmethyl zur Gänze der auf diesem Gebiet leistungsfähige­ren BASF überlassen und die Produk­tion eingestellt. Eine Zeitlang wurde noch die Blaufabrik weiter betrieben, während alle anderen Produktionsbe­reiche längst nach Leverkusen abge­wandert waren.
 
Der erste Weltkrieg brachte dann das endgültige Aus. Farben wurden nicht mehr benötigt, der Bedarf war auf militä­risch verwertbare Produkte gerichtet. Das Heckinghauser Werk wurde des­halb 1915 stillgelegt.
 
In diesen Jahren wurde die Firma Bayer von einem weiteren berühmten Sohn unseres Stadtteils geführt: Carl Duis­berg. Seine Großeltern lebten auf dem Sehlhof im Heidt, seine Eltern in einem Haus an der Heckinghauser Straße ganz in der Nähe.
 
Er selbst wurde dort 1861 - in dem Jahr, als Bayer und Weskott ihre Versuche begannen - geboren. 1883 trat er in die Dienste der Firma Bayer und führte sie später zu ihrer Weltgeltung.
 
Das alte Bayersche Wohnhaus wurde beim Bombenangriff von 1943 zerstört. Heute steht dort das Haus Heckinghauser Straße 162. Eine Gedenktafel im Tor­eingang erinnert noch an das Bayer­-Haus. Auf dem ehemaligen Bayer-Gelände an der Wupper befindet sich jetzt die Firma Johnson & Johnson.

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Autor: Gerhard Dabringhausen

Quelle: Jahrbuch 1991, Seiten: 67, 69, 71