Elektische Straßenbahn

1894 war für die Verkehrsentwicklung in Wuppertal ein bedeutendes Jahr, wobei unser Stadtteil eine zentrale Rolle spielte. Im benachbarten Heidt wurde die Barmer Bergbahn eröffnet, einige Monate später folgte mit der Linie Heckinghausen - Clef die erste elektrische Straßenbahn. Diese Projekte beschäftigten die Barmer und Heckinghauser Bürger bereits seit längerem. Schon am 4. August 1891 hatte die Barmer Stadtverordneten-Versammlung die notwendigen Beschlüsse gefasst.

Bürokratische Hemmnisse
Während das Bergbahnprojekt bald gut vorankam, stellten sich dem Bau der Straßenbahn eine Reihe von Hindernissen in den Weg. Die Pferdebahngesellschaft erhob Einspruch, worauf sich die Stadt Barmen zur Feststellungsklage gegen die Gesellschaft gezwungen sah, in erster lnstanz jedoch unterlag. In zweiter Instanz obsiegte Barmen dann: am 4. Oktober 1892 wies das Oberlandesgericht Köln den Einspruch insgesamt ab.

Doch nun legte der Amtsschimmel eine Pause ein: Während die Bestellungen für Baumaterial und Fahrzeuge bereits erfolgt waren, die ersten Fahrzeuge Ende 1893 bei Siemens & Halske in Charlottenburg der Vollendung entgegengingen, schleppte sich das Verfahren zur Konzessionserteilung nach dem neuen Kleinbahngesetz bin. Erst am 17. April 1894 stellte der Regierungspräsident die Genehmigungsurkunde aus. Obwohl hiergegen noch Einspruch möglich war, begann man unverzüglich mit den Arbeiten, die der Stadtbaurat Winchenbach leitete.

Schneller Bau
Zunächst wurden die notwendigen Vermessungen durchgeführt, ab 20. Mai 1894 folgten die Straßenbauarbeiten durch Bauunternehmer Werner. Ende Mai begannen die Erd-, Pflaster- und Gleisbauarbeiten durch Bauunternehmer Kinkeldei, der für 29 414 Mark den Zuschlag erhalten hatte.

Schon vorher war auch die Errichtung der Wagenschuppen in Angriff genommen worden. Diese entstanden an der Heckinghauser Straße gegenüber der Ackerstraße. Die Anfahrt erfolgte über einen 180 Grad-Gleisbogen aus Richtung Barmen. Eine Schiebebühne erschloss die Hallengleise, zunächst nur drei an der Zahl.

Die Erdarbeiten nahmen zunächst an der Bockmühle ihren Anfang. Auf der übrigen Strecke mussten zunächst umfangreiche Kanalbauarbeiten und die Verlegung von Wasser- und Stromanschlüssen zu zahlreichen Häusern vorgezogen werden. Die schnelle Durchführung dieser Maßnahmen hatte der Bezirksverein Heckinghausen schon in seiner Sitzung Anfang Februar gefordert, damit der Bahnbau dadurch nicht behindert werde.
Im Juni erfolgte nun die Erstellung der Packlage, von der die ca. 75 Arbeiter täglich 130 -140 m schafften. Schon am 1. Juni war die Werléstraße erreicht. Am 6. Juni begann die Gleisverlegung - ebenfalls von der Bockmühle aus.

Gleichzeitig erfolgten die notwendigen Installationen für die Oberleitung. An zahlreichen Heckinghauser Häusern wurden Isolatoren an den Hauswänden angebracht, an denen die Verspannung aufgehängt wurde. Hierzu hatte man einen 5m hohen Montagewagen konstruiert, der auf den schon fertig gestellten Gleisen lief. Leider verweigerten einzelne Hauseigentümer das Anbringen der Isolatoren, so dass eine Anzahl von Masten aufgestellt werden musste, die nicht unbedingt schön aussahen.

Am 20. Juni erreichten die Gleise den Friedhof an der Unteren Lichtenplatzer Straße, am 4. Juli waren die Gleisbauarbeiten beendet. Aus diesem Anlass gab es eine kleine Feier in der Restauration „Germania" am Neuenweg (Clef), wo in den Tagen zuvor die letzten vier -vergoldeten- Schwellenschrauben zu besichtigen waren. Von den vorgesehenen 7 Wochen Bauzeit waren nur 5 benötigt worden. Dieses hohe Bautempo konnte durchgehalten werden, obwohl typisch Wuppertaler Dauerregen die Arbeiten ständig behinderte und an 4 Tagen ganz zum Erliegen brachte.

Anfang August war auch die Pflasterung vollendet. Die durchweg eingleisige Strecke war von der Bockmühle bis zum Neuenweg exakt 2408,6 m lang - mit einer Planabweichung von 3 mm! Von insgesamt 4 Weichen zweigten 850 m Ausweichstrecken ab. Da nun schon mal gebaut wurde, nutzte man die Gelegenheit, um zahlreiche Bürgersteige teils höher zu legen, mindestens aber zu erneuern, so dass auch das Stadtbild Heckinghauses verschönert wurde.

Ärgerliche Verzögerung
Der Eröffnung der Straßenbahn stand nun nichts mehr im Wege, als es eine ärgerliche Verzögerung gab. Die Königlich-Preußische Eisenbahnverwaltung führte Erneuerungsarbeiten an der Herzogbrücke durch, wodurch die Eröffnung auf Anfang September verschoben werden musste. Dies löste bei der Heckinghauser Bürgerschaft, die die Vorbereitungen zur Einweihungsfeier schon abgeschlossen hatte, helle Empörung aus. Obwohl die Arbeiten an der Herzogbrücke seit einem Jahr notwendig waren, hatte die Eisenbahnverwaltung nicht den geringsten Versuch unternommen, sich zeitlich mit dem Straßenbahnbau abzustimmen!

Genauso ärgerlich war das Verhalten des Telegraphenamtes, das die Arbeiten zur Höherlegung der Telegraphendrähte an der Herzogbrücke verschleppte, so dass die Oberleitung nicht bis zum Kraftwerk am Clef durchgezogen werden konnte. Dadurch blieb die ganze Strecke stromlos, woraufhin auch der nun vorgesehene Probebetrieb Heckinghausen - Herzogbrücke nicht möglich war. Dabei war am 1. August unter dem Jubel der Heckinghauser Bevölkerung der erste Straßenbahnwagen am Rittershauser Bahnhof eingetroffen und im Triumphzug über das Anschlussgleis der Gasanstalt an der Mohrenstraße zum fast fertig gestellten Wagenschuppen gezogen worden. Am 6. August war dann endlich die Oberleitung fertig, am 8. August auch die Herzogbrücke wieder befahrbar.



Auch das ist Vergangenheit: Die ehemalige Wagenhalle Walterstraße, die auf der früheren Eisenbahntrasse der Bahnlinie nach Remscheid erbaut wurde. Zur Zeit wird die Halle als Lagergebäude der Heckinghauser Firma WASI genutzt.

Feierliche Eröffnung
Am 15. August land die erste Probefahrt statt, an der neben Barmens Oberbürgermeister Wegner und anderen Honoratioren auch der Vorstand des Bezirksvereins teilnahm. Die Fahrt führte vom Wagenschuppen zunächst zur Bockmühle, dann über die ganze Strecke zum Clef und wieder zurück. Hier brauchte man 15 Minuten, zurück sogar 18, weil zahlreiche Fuhrwerke, herumlaufende Kinder und schließlich auch jubelnde Bürger immer neue Hindernisse bildeten. Nachdem alle 6 bestellten Wagen angeliefert worden waren, konnte an 30. August die landespolizeiliche Abnahme erfolgen.

Zur feierlichen Eröffnung am 1. September (zugleich Sedanstag) waren alle Häuser an der Strecke mit Flaggen geschmückt. Pünktlich um 10.00 Uhr setz sich drei girlandengeschmückte Wagen in Bewegung und fuhren bis zur Endstation am Clef, wo die Maschinenstation der Bergbahn besichtigt wurde.

Mit „an Bord" waren neben zahlreicher Prominenz natürlich auch die Vertreter des Bezirksvereins.

Unter dem Jubel der Bevölkerung ging es zurück nach Heckinghausen zum Frühschoppen in der Restauration Halbach, wo der Vorsitzende des Bezirksvereins Adolf Backhaus den Vertretern der Stadt für das „schneidige" Verkehrsmittel dankte und die üblichen Hochs ausbrachte. Ab 12.00 Uhr verkehrte die Bahn dann im 6-MinutenTakt.

Nachmittags gab die Deutzer Pionierkapelle am Wagenschuppen ein Konzert. Abends folgte das große Fest des Bezirksvereins in der „Villa Murmelbach" mit 500 Gästen aus der Heckinghauser Bürgerschaft. Auf der Insel des Gondelteichs wurde gegen 23.00 Uhr ein großes Feuerwerk abgebrannt. Den Schluss des Festes, das bis zum folgenden Morgen dauerte, bildete ein gemütliches Tanzkränzchen.

Erfolgreicher Betrieb
Der Betrieb lief sehr gut an. Trotz der bis Ende September immer wieder auftretenden Behinderungen durch die Arbeiten an der Herzogbrücke wurden im ersten Betriebsmonat 100 000 Fahrgäste registriert, was bei einem Fahrpreis von 10 Pf. rd. 10 000 Mark Einnahmen bedeutete. Davon konnten etwa 33% nach Abzug der Kosten und Verzinsung des Kapitals als Gewinn angesehen werden.

Der Fahrpreis wurde durch Einwerfen einer Münze in einen Kasten entrichtet. Dies musste bald scharf kontrolliert werden, da etliche Mitfahrer entweder gar nicht oder mit Falschgeld bezahlten!

Der Kontrolle bedurften auch die „Herren aus den besten Gesellschaftskreisen", die das Rauchverbot in den Wagen Missachteten und dem Personal renitent entgegentraten, so dass „das ordnungsliebende Publikum zur Selbsthülfe schreiten" musste, wie es in der Barmer Zeitung vom 17. 12. 1894 heißt.

Sorge bereitete weiterhin das leichtsinnige Verhalten der Fahrgäste, insbesondere Kinder, die auch während der Fahrt auf- und absprangen. Mehrere Unfälle verliefen glimpflich. Schlimmer schien ein Vorfall am 15. Dezember zu sein, als ein Wagen einen Arbeiter, der zwischen den Gleisen in einem Kanal arbeitete, einfach überrollte. Die erhebliche Aufregung über diesen „Unfall“ war jedoch überflüssig. Der Wagenführer hatte nämlich kurz vor dem Loch angehalten und dem ihm bekannten Arbeiter zugerufen: „Fritz, bück dich!" Fritz bückte sich auch, und der Wagen rollte gefahrlos über ihn weg, worauf Fritz ungerührt weiterarbeitete.

1894-1987
Inzwischen gehört derartige Idylle längst der Vergangenheit an, und die elektrische Straßenbahn ist in Wuppertal genauso Geschichte wie die Barmer Bergbahn, das Planetarium oder das Stadtbad Auf der Bleiche. Die sogenannten „Stadtväter" der Neuzeit sind mit dem Kostenargument schnell zur Hand, wenn es gilt, von den Ahnen ererbtes Gut zu beseitigen.

Sicher war die Straßenbahn zum Schluss hochgradig defizitär. Doch war dies durch mangelnde Unterhaltung und „Gesundschrumpfung" des Netzes auf einen lebensunfähigen Torso mutwillig herbeigeführt worden. War die Stilllegung 1987 wegen der eingefahrenen Defizite zwar kaufmännisch richtig, werden heute Summen für den öffentlichen Personennahverkehr ohne Rücksicht auf Finanzen ausgegeben, mit denen man die Straßenbahn hätte erhalten können.

Doch am 30. Mai 1987 fuhr die letzte Straßenbahn durchs Wuppertal; die Fahrt endete bezeichnenderweise in Heckinghausen. So bleibt nur die Erinnerung an eine Zeit, als unser Stadtteil mit seinen fortschrittlichen Verkehrsmitteln im Wuppertal führend war.


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Autor: Gerhard Dabringhausen

Quelle: Jahrbuch 1994/95, Seiten: 73, 75, 77, 79